Spiegelsaal

 

Hier findet ihr einige Gedichte, welche irgendwo anders nicht wirklich hinpassen. Von Zeit zu Zeit werde ich auch meine Kurzgeschichten hier präsentieren - Die alte Frau in der Telefonzelle basiert auf einer realen Begebenheit und den damit in mir ausgelösten Gedanken zum Älterwerden:

 

Das Glück an sich & die Selten-Worte

Das Glück an sich ist ein Zustand. Man erreicht ihn oder nicht. Sagen die Leute. Aber irgendwie kann das nicht stimmen. Denn jedes Mal wenn er geht. Nachdem er da war für eine Weile, bei ihr. Also jedes Mal wenn er geht, bleibt sie ein wenig glücklicher zurück. Demnach kann Glück nicht ausschließlich ein Zustand sein, sondern es ist auch etwas, das an Wert und Umfang gewinnen kann. An Größe und Substanz.

Bei ihr ist das so.
Seit es ihn gibt.

Dann sitzt sie auf der Couch und lässt vergangene Stunden Revue passieren. Sie  denkt an Worte die er sagte und auch an jene, die er nie sagt oder selten. Und sie wird glücklich, weil er sie eigentlich auch nicht zu sagen braucht. Denn sie kann es fühlen. Das Glück ist da. Manchmal wäre es wohl dennoch schön, sie zu hören. Aber ihr Glück ist da und mehrt sich, seit es ihn für sie gibt und seit sie ihren gemeinsamen Weg von einigen der größten Steine befreit haben.

Es ist schön dass es ihn gibt, denn sie ist ein glücklicherer Mensch dadurch. Und sie hofft es geht ihm ebenso. Vielleicht sind die Selten-Worte auch dafür gut, dass sie nicht nur hoffen muss, dass es ihm ebenso geht, sondern ab und an auch bestätigt bekommt, dass es so ist. Wenn es so ist.

02.11.08

Sehnsucht

Heute schreibe ich, weil ich Sehnsucht habe. Sehnsucht nach dir.

Uns trennen nicht nur einige hundert Kilometer Autobahnen, sondern auch einige hundert Höhenmeter. Tagsüber ist das nicht ganz so schlimm. Da ist man abgelenkt, da halten einen die Alltagsgeister auf Trab. Irgendwie fallen mir die Abende besonders schwer. Da hört man, wie Freunde bei einem Glas Wein auf der Terrasse sitzen, es wird geredet und gelacht. Das Radio oder der Fernseher geben leise Klänge in die samtblaue Nacht. Der aufkommende Wind verweht sie in alle Richtungen und nur Fetzen gelangen noch in meine Ohren. Ein wenig zerhackt klingt das und genau so fühle ich mich auch. Einerseits geht’s mir gut: ich habe keine finanziellen Sorgen, ich lebe mein Leben und stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Und doch gibt es etwas, dass mich verweht, so wie der Wind die nächtlichen Klänge, wie die Stürme im Herbst die letzten Blätter von den bereits kahlen Bäumen fegen. Es sind die Gedanken an dich.

An dich denken, das ist näher an deine Seele fühlen – so geht ein Gedicht von Erich Fried. Und genau das ist es was mich umtreibt. An dich denken, das ist dich fühlen. Obwohl du soweit weg bist von mir. Dann kriechen die kleinen Sehnsuchtsteufel in mein Herz. Sie zwicken und zwacken und plagen mich. Die Sonne scheint und es ist warm und trotzdem bin ich nicht zufrieden. Manchmal würde ich die Tage allzu gern einfach verschlafen, an denen du nicht da bist. Einfach ausblenden  und still und stumm verharren bis zu dem Moment an dem du wieder bei mir bist. An dem ich mir nicht nur deinen Duft einbilden muss, sondern ich in einfach ganz tief einatmen kann.

Die Tage ohne dich aber sind lang. Ich wache früh auf und geh zu spät schlafen. Andersherum wäre es mir tausendmal lieber.

Ein Grollen und vereinzelte Blitze deuten auf ein Unwetter hin, doch noch immer ist es lau und einfach angenehm nach der Glut des Tages. Der Wind ist streichelweich auf der Haut. Es scheint fast so, als versuche er mir die trüben Gedanken aus dem Kopf zu wehen. So als versuche er mit stärker werdender Intensität seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, dass ich es mir gut gehen lassen soll. Nicht grübeln, es einfach nehmen wie es ist. Du bist nicht da und es soll mir trotzdem gut gehen. Aber wie soll ich dich denn aus meinen Gedanken verbannen? Wie, wenn der erste Gedanke am Morgen dein Name ist, wenn mein Blut den ganzen Tag deinen Namen klopft und der letzte Gedanke des Tages nur meine Liebe zu dir ausdrückt. Wie kann ich dich da auch nur eine einzige Sekunde vergessen und wie, dass du fehlst nicht spüren?

Hin und Hergerissen bin ich mit all den Zukunftsgedanken und Ängsten die mich drücken. Meine Sicherheit, in der ich bin, aufgeben ist ein schweres Los, doch andererseits gilt noch immer: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

Die alte Frau in der Telefonzelle

Jeden Morgen um kurz vor Acht fahre ich die Straße zur Firma hinauf. Am oberen Ende ist eine Kreuzung. Dort, auf der rechten Seite neben einer Bushaltestelle, steht eine Telefonzelle.

Im Zeitalter der Handys und Notebooks ist das ein recht seltener Anblick geworden, finde ich. Ich habe schon seit mindestens 10 Jahren kein Gespräch mehr an einem öffentlichen Fernsprechapparat geführt. An Flughäfen vielleicht; oder Bahnhöfen – ja – dort sieht man es tendenziell noch häufiger, dass Menschen an einem dieser, meist als halbrunde Goldfischgläser, getarnten Telefone stehen und laute oder leise, hektische oder ruhige, beschwichtigende oder wütende Worte in die Muschel sprechen. In der ländlicheren Gegend, die nur ansatzweise städtische Hektik nachahmt ist dies jedoch ein sehr abstrakter Gedanke.

Und jeden Morgen in den vergangenen Wochen habe ich sie dort gesehen. Diese kleine zarte Frau, deren Mantel wie ein schützender Panzer wirkt. Sie trägt einen Hut und immer eine Tasche am linken Arm. Nie habe ich bemerkt, dass sie die Tasche auch nur eine Sekunde abstellt. Wenn ich recht darüber nachdenke, habe ich überhaupt nie eine Regung an ihr bemerkt. Es scheint, als warte sie auf etwas das nie passiert. Zu einer Säule erstarrt. Kein Leben.

War da jemals Leben? Was hat sie erlebt? Wer ist diese Frau? Welche schönen und weniger schönen Dinge sind ihre Erinnerungen? Wird aus mir auch eines Tages eine solche Frau. Alt. Starr. Regungslos und stumm?

Wird es dann noch Telefonzellen geben? Oder werde ich möglicherweise in einem Transporter stehen, der auf Knopfdruck Menschen an andere Orte bringt. Gegen Gebühr versteht sich. Werde ich dann dort stehen und die Menschen, die ganze Welt um mich herum beobachten? Wird diese Welt dann denken: „Diese alte, kleine, zarte Frau – mit diesem Mantelpanzer und der Tasche…was bewegt sie dazu so früh am Morgen hier zu stehen?“

Werde ich dann dort stehen und denken: „Diese Welt da draußen, diese große, laute, bunte, hektische Welt…ist das einmal meine Welt gewesen? Und wenn ja, wie war sie – meine Welt? War sie groß und bunt? Oder klein und trist? Habe ich etwas versäumt?“

Wird es eines Tages so sein, dass wir alle auf unsere eigene Weise in einer derartigen Telefonzelle enden? Dass das Leben sich weiterbewegt, ohne uns. Und wir das wortlos zulassen? Hinnehmen sogar? Wie wird sie sein, diese „Telefonzelle“?

Werden wir allein sein? Einsam? Oder einfach nur allein? Werden wir es genießen? Oder in Erinnerung an die Vergangenheit leiden und uns in die verflossene Zeit zurücksehnen? Werden wir begreifen, was um uns herum geschieht? Oder wird es ähnlich einem Film sein, der vor uns abläuft und dessen Ende wir ahnen, aber auf das wir keinen Einfluss haben?

Schreiben wir in unserem „Vor-Telefonzellen-Stadium“ selbst an diesem zukünftigen Film? Die Gegenwart ist beeinflusst durch unsere Vergangenheit – ohne Zweifel. Wie beeinflusst unsere durch die Vergangenheit beeinflusste Gegenwart unsere Zukunft? Werden wir verbitterte alte Zellenhocker sein, weil uns in der Vergangenheit schlechte Dinge widerfahren sind? Oder werden wir gerade dem zum Trotz umso fröhlichere, glücklichere alte Herrschaften sein? Reifer und gelassener und erfahrener und ruhiger und schlauer und wissend um das Geheimnis des Lebens?

Man kann sich darum ja die tollsten Gedanken machen. Es werden zu viele sein, als dass sie alle in einer kleinen Telefonzelle mit gerade mal einem Quadratmeter Grundfläche Platz finden würden. Und dennoch: Diese eine alte, kleine, zerbrechlich-starke Frau verkörpert all diese Theorien vom Altsein für mich.

Sie ist ein Sammelsurium aus Erfahrungen, Gefühlen, Zeitgeschehen der Vergangenheit. Sie trägt all das mit sich herum. Für viele nicht sichtbar, für manche zu erahnen. Jedoch für die Wenigsten zu verstehen – zu begreifen.

Wenn man jung ist macht man sich doch keine Gedanken darüber, wie es sein könnte, alt zu sein. Da genießt man das Leben, die Liebe – den Tag. Aber die Tage kommen und sie gehen. Die Stunden nehmen die Minuten bei der Hand und tanzen mit den Tagen und Monaten einen Jahresreigen um den anderen. Und kaum hast du begriffen, dass du nur dieses eine Leben hast, stehst du am Ende und blickst zurück.

Und worauf blickst du dann zurück? Auf eine ganze Menge an Jahren hoffentlich. Voll angefüllt mit Erfahrungen und Emotionen. Du stehst dann dort, vielleicht ja auch vor der Telefonzelle und denkst dir: „Ja, jetzt ist der richtige Zeitpunkt um von dieser Welt zu gehen. Ich betrete die Telefonzelle nicht mehr – ich brauche das nicht. Es ist gut, so wie es ist.“



Wandeln in meinem Selbst,

ich schaue mir in die Augen dabei, finde mich, entdecke neue Züge meiner Seele, wie Columbus den neuen Kontinent betrete ich mein unentdecktes Land.

Lächeln begleitet mich, wie der Sonnenschein den Tag. Die Tränen fangen alle Farben der Nacht und spiegeln meine Ängste schillernd wider.

Ich laufe durch den Park meiner Augen, sauge die Töne der Vögel auf, welche in grünenden Bäumen aus Sensibilität sitzen und dem Wohlgefühl einen Klang verleihen.

Am Horizont meines Ich's geht in rotglühendes Herzblut getaucht meine Liebe auf und hüllt den Tag in wämende Zärtlichkeit.

 

So lange es schön ist

Genießt man nur wenn es schön ist?
Leidet man nur
wenn es schief geht?

Genießt man auch das Leidenweil es schön ist?
Oder sollte man genießen solange es schön ist?

Oder sollte man leiden, wenn es schief ist,
damit man genießen kann, wenn es wieder schön wird?

Wenn es schön wird.
Genießt man im Leiden, weil man weiß, dass es nie anders wird?



Die Zweite

Da hast du
es
mein Herz, das Kleine
schlägt
in der Brust
laut
wenn ich dich berühre

Du gehst
mir
so tief rein
geht’s
mir auch nicht
so tief
dass es wehtut
da drinnen
nein
gut

Weil
weil du
ich
oder wir
Liebe
füreinander
für dich
empfinden
fühle

Verloren
habe ich
das
noch nicht
habe
verloren
ich
nein noch
nicht
doch auch nicht gewonnen.




Turm

Ich steige
die Stufen hinauf,
immer weiter nach oben,
rauf in die halbrunde Kuppel;
fast bis unters himmelblaue, luftige Dach.

Hier oben
ist mein Himmel,
fern die kalte Welt.
Weit weg ist hektischer Stress
und ich bin völlig losgelöst vom Alltag.

Der Turm
auf dem Berg
ist meine kleine Flucht
vor den sich wirrenden Gedanken
aus Worten und Blicken der Geschehnisse.




Gartenbank

Da ist sie wieder:
Erinnert an dich,
an unsere Lieder,
jedoch ihr Anblick trübt mich.

Gesagt hast du mir,

ich solle da warten,
jetzt steh ich nun hier,
im schattigen Garten.

Ein dunkler Ort,
ich schaue ins Licht,
ich will fort,
denn noch immer seh ich dich nicht.

Später am Tag,
an selber Stelle,
von Vorwürfen geplagt,
mit Tränen mich quäle.

Du bist nicht gekommen,
ich vor Sorge fast krank,
von Kälte benommen,
sitz wieder alleine auf der Gartenbank.


 

 

 

 

 

© Nicole Richter 21.03.2012

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